Alte Heimat, neue Heimat – SchülerInnen berichten (IX)
von Eva Dernóczi
Adam Qourchi ist 20 Jahre alt und besucht unser Berufskolleg seit 2024 im Schulbereich der Höheren Berufsfachschule (HBFS) im Bildungsgang Informationstechnik, mit dem Ziel dieses Jahr sein Fachabitur zu absolvieren. Er freut sich schon jetzt auf seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration in Bonn.
Heimatgefühle und der Weg nach Deutschland
Adam wurde in Mohammedia (Marokko) geboren und verbrachte dort die ersten zehn Jahre seines Lebens. Erstaunlich ist, dass man ihm überhaupt nicht anmerkt, dass er nicht in Deutschland geboren wurde. Wenn er an seine Heimat denkt, verbindet er mit Marokko vor allem seine Kindheit. „Heimat“ ist für ihn gleichbedeutend mit „Kindheitszeit“ – einer unbeschwerten, sorglosen Phase seines Lebens. Obwohl die Arbeitsbedingungen und Gehälter dort deutlich schlechter seien, erinnert er sich gern an das gute Zusammenleben: eine kleine Wohnung, viele Menschen, aber ein starkes Gemeinschaftsgefühl. 2016 kam Adam im Alter von zehn Jahren mit seiner Mutter nach Deutschland. Sein Vater lebte bereits hier und arbeitete als IT-Berater. Einige Jahre später folgte auch sein älterer Bruder, der heute Physik in Bonn studiert. Durch frühere Ehen seiner Eltern hat Adam insgesamt zwei ältere Brüder – einer lebt in Norwegen – sowie drei jüngere Geschwister. Zu Hause wird überwiegend Arabisch (Darija) gesprochen. Außerdem spricht Adam sehr gut Französisch, Englisch und Deutsch.
Ein schönes Land mit herzlichen Menschen
Adam reist gerne nach Marokko, um seine Familie zu besuchen, insbesondere seinen Großvater und seinen Onkel. Sein Großvater, den er sehr liebt, war auch schon in Deutschland. Adams Lieblingsessen ist „Fish Bastilla“. Es besteht aus dünnem Blätterteig oder Filoteig, gefüllt mit würzig mariniertem Fisch, Meeresfrüchten, Reisnudeln (Vermicelli) und Chermoula. Mohammedia ist eine Hafenstadt, daher genießt es Adam in Marokko gerne viel frischen Fisch zu essen. Er genießt es den Markt zu besuchen, wo die Bauern ihre Waren nicht an die Märkte, sondern direkt an die Einwohner verkaufen. Dort zu leben kann er sich jedoch nicht vorstellen, da es wirtschaftlich sehr schwierig sei, vom eigenen Einkommen zu leben. „Es ist ein schönes Land, aber die Gehälter sind niedrig und berufliche Perspektiven begrenzt.“ Besonders schätzt er die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen, die er in Deutschland manchmal vermisst. Auch wenn er nicht alle Menschen über einen Kamm scheren will, stellt er fest: „Herzliche Freundschaften entstehen hier auch, brauchten aber oft mehr Zeit.“
Schulstart in Deutschland
Als Adam nach Deutschland kam, sprach er kein Deutsch. Er wurde direkt in die 4. Klasse eingeschult und lernte die Sprache erstaunlich schnell. Bereits nach einem halben Jahr sprach er fast fließend Deutsch. Diese Zeit erinnert er positiv: Lehrkräfte und Mitschüler unterstützten ihn, freuten sich über seine Fortschritte und motivierten ihn. Mit dem Wechsel auf ein Gymnasium änderte sich das jedoch. Dort erlebte er Ausgrenzung und mangelnde Unterstützung, weshalb er schließlich auf eine Realschule wechselte. Diese Entscheidung ermöglichte ihm wieder eine entspannte und positive Schulzeit – ähnlich wie jetzt am Berufskolleg.
Neue Eindrücke und neue Chancen
Schon kurz nach seiner Ankunft fiel Adam auf, dass „die Luft hier ganz anders ist – irgendwie besser“. Dieser Eindruck lässt sich erklären: In Mohammedia belastet Saharastaub die Luft, vor allem liegt es aber daran, dass sein Heimatort ein Industriezentrum ist und viele chemische und metallverarbeitende Betriebe, ein Hafen sowie ein kohlebefeuertes Kraftwerk die Luftqualität belasten. Besonders schätzt Adam jedoch, dass Bildung in Deutschland kostenlos ist und nicht vom Einkommen der Eltern abhängt. In Marokko sei Schule zwar offiziell kostenfrei, tatsächlich stelle Bildung für viele Familien jedoch eine finanzielle Belastung dar. Heute freut sich Adam über seinen vielfältigen Freundeskreis: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Kulturen. „Man lernt viel voneinander – das ist eine echte Bereicherung.“







